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Foto Holger Fahrland

Autor:

Holger Fahrland

03.05.2021

Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin

geboren am 14.07. (jul.) bzw. 26.04. (greg.) 1897 in Alexandropol (Russisches Kaiserreich, heute: Gjumri, Armenien)

gestorben am 09.03.1980 in München

Foto Olga Tschechowa

Foto: Alexander Binder / ROSS-Verlag, Berlin (1927/28)

Leben

Olga Tschechowa wurde - nach dem gregorianischen Kalender - am 26. April 1897 als Olga von Knipper in Aleksandropol in Armenien geboren. Ihre Familie stammte ursprünglich aus Saarbrücken, war jedoch schon vor Olgas Geburt nach Russland emigriert. Ihre Eltern pflegten enge Kontakte zum russischen Zarenhof und bedeutenden russischen Künstlern der Zeit, darunter der Schriftsteller Leo Tolstoj, die Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Alexander Glazunov und der Opernsänger Fjodor Iwanowitsch Schaljapin. Diese Verbindungen beeinflussten die junge Olga Tschechowa genauso wie ihre Tante Olga Knipper-Tschechowa, die als Schauspielerin arbeitete und deren Ehemann der Dramatiker Anton Tschechow war.

Tschechowa studierte vorübergehend Bildhauerei und Medizin in Sankt Petersburg, wechselte jedoch schnell das Metier und machte eine Schauspielausbildung bei Konstantin Stanislaski in Moskau. Die Ausbildung ermöglichte ihr erste Rollen am Tschechow-Künstlertheater. 1914 heiratete sie mit nur 16 Jahren den Schauspieler Michael Tschechow, der der Neffe Anton Tschechows war. Die beiden bekamen die Tochter Ada, die ebenfalls Schauspielerin wurde.

In den Jahren 1917 und 1918 sammelte Tschechowa erste Filmerfahrungen. 1921 emigrierte sie dann nach Deutschland, in das Herkunftsland ihrer Familie. Ihr dortiges Filmdebüt hatte sie mit einer Rolle als Verführerin in Werner Funcks "Hochstapler", wurde aber als Fehlbesetzung kritisiert. Dennoch wurde sie noch im selben Jahr von Friedrich Wilhelm Murnau entdeckt, der ihr die Rolle der Baronin Safterstädt in "Schloss Vogelöd" gab.

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Schloss Vogelöd (1921) - Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Ihre erste Hauptrolle spielte Oga Tschechowa dann ein Jahr später in Berthold Viertels Ibsen-Verfilmung "Nora". Die schnell sehr erfolgreiche Schauspielerin arbeitete auch in Frankreich und England: So spielte sie Hauptrollen in René Clairs "Un chapeau de paille d'Italie" ("Der Florentiner Hut", FR 1927) und in Ewald André Duponts legendärem "Moulin Rouge" (GB 1928):

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Bis zu ihrer ersten Tonfilmrolle in Wilhelm Thieles Kassenerfolg "Die drei von der Tankstelle" war sie bereits zu einem der beliebtesten Stummfilmstars avanciert. Ihrer Popularität tat der Übergang zum Tonfilm keinen Abbruch.

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"Erst kommt ein großes Fragezeichen..." - Olga Tschechowa im Duett mit Lilian Harvey (aus: Die Drei von der Tankstelle, 1930)

Bereits als Gräfin Nastia in Walter Niebuhrs "Die Stadt der Versuchung" (1925) hatte Tschechowa ihren Ruf als elegante Grande Dame begründet. Sie spielte mit vielen großen Schauspielern ihrer Zeit, zu ihren Filmpartnern gehörten unter anderem Ewald Balser, Willy Birgel, Paul Hartmann oder Heinrich George, mit dem sie zum ersten Mal in "Das Meer" (1927) auftrat. Außerdem spielte sie beispielsweise Hauptrollen in "Soll man heiraten? Intermezzo einer Ehe in sieben Tagen" (1925) oder "Ein gewisser Herr Gran" (1933) unter der Regie von Gerhard Lamprecht. Auch einer Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock konnte sich Olga Tschechowa rühmen: Er gab ihr die Hauptrolle der "Mary" in seinem gleichnamigen Film (1930), der deutschen Version von "Murder".

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Im Dritten Reich wirkte Olga Tschechowa hauptsächlich in Unterhaltungsfilmen mit, hatte jedoch auch einige Rollen in propagandistischen Filmen: 1933 spielte sie in "Der Choral von Leuthen", der Friedrich II. von Preußen als Führerfigur glorifiziert, und 1940 im anti-britischen FIlm "Der Fuchs von Glenarvon" an der Seite von Karl Ludwig Diehl. Ein Jahr später folgte mit "Menschen im Sturm" ein weiteres betont nationalsozialistisches Werk, das den deutschen Überfall auf Jugoslawien rechtfertigt. 1942 spielte sie dann wieder neben Heinrich George, dieses Mal die Gräfin Vera Orlewska in dem ebenfalls nationalsozialistischen Idealen verpflichteten historischen Porträt "Andres Schlüter".

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Tschechowa weitere Hauptrollen, etwa in Viktor Tourjanskys "Der Mann, der zweimal leben wollte" (1950), in Rudolf Jugerts "Eine Frau mit Herz" (1951) oder in Rolf Thieles "Die Barrings" (1955). Ende der 1950er Jahre zog sie sich dann aus dem Filmgeschäft zurück. Erst Anfang der 1970er Jahre hatte sie noch einmal Auftritte in den erfolgreichen Familienfilmen "Die Zwillinge vom Immenhof" und "Frühling auf Immenhof".

Neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit war Tschechowa in den 1930er Jahren häufig als Co-Produzentin ihrer Filme involviert. Mehrmals gründete sie auch eigene Produktionsfirmen, mit denen sie aber keine langfristigen Erfolge hatte. Als Regisseurin drehte sie 1929 der Film "Der Narr seiner Liebe", mit ihrem geschiedenen Mann Michael Tschechow in der Hauptrolle. Nach 1945 gründete sie ihr eigenes Theater in Berlin-Friedenau, doch auch damit hatte sie nur bescheidenen Erfolg.

Privat ging es in ihrem Leben immer eher turbulent zu. 1936 heiratete sie Marcel Robyns, doch auch diese Ehe zerbrach nach wenigen Jahren. Mehrfach kamen Gerüchte auf, Olga Tschechowa sei während des Krieges als Spionin tätig gewesen - für den KGB oder gar als Doppelagentin für Polen und Hitler zugleich. Sie dementierte diese Gerüchte ebenso wie jene um ihre angebliche Liebesbeziehung zu Hitler, wohingegen sie ihre vielfältigen freundschaftlichen Verbindungen zu Nazi-Größen allerdings freimütig zugab. Auch herrschte einige Verwirrung um einen Lenin-Orden, der ihr verliehen worden sein sollte (die Zeitschrift "Wochenpost" hatte 1949 sogar eine gefälschte Fotomontage veröffentlicht, die sie mit dem angeblichen Lenin-Orden in der Hand zeigte). Es stellte sich jedoch heraus, dass diesen ihre gleichnamige Tante bekommen hatte, die in der Sowjetunion eine angesehene Künstlerin war.

Mit ihrer Enkelin Vera Tschechowa stand sie Anfang der siebziger Jahre noch einmal vor der Kamera: Für die Fernsehserie "Duell zu Dritt". 1984 dreht ihr Schwiegersohn Vadim Glowna das Porträt: "Tschechow in meinem Leben".

Im April 1972 sprach Elisabeth Bachler von der Deutschen Welle anlässlich des 75. Geburtstags mit Olga Tschechowa über ihre Filmkarriere und ihren künstlerischen Werdegang:

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Filmografie

Olga Tschechowa hat während ihrer langen Karriere in über 140 Filmen mitgespielt, bei einigen war sie auch Regisseurin, Produzentin oder Co-Produzentin. 

Auswahl:

Frühling auf Immenhof. D 1974, Wolfgang Schleif, 93 Min.

Die Zwillinge vom Immenhof. D 1973, Wolfgang Schleif, 94 Min.

Duell zu Dritt. D 1971, Hermann Leitner, 13 Folgen, ausgestrahlt im ZDF zwischen März und Juli 1971 (mit Ada Tschechowa).

Die Barrings. D 1955, Rolf Thiele, 108 Min.

Hinter Klostermauern. D 1952, Harald Reindl, 89 Min (Co-Produktion durch Olga Tschechowas Firma Venus-Film, München).

Eine Frau mit Herz. D 1951, Rudolf Jugert, 86 Min (Produktion: Olga Tschechowa)

Aufruhr im Paradies. D 1950, Joe Stöckel, 90 Min (Co-Produktion durch Olga Tschechowas Firma Venus-Film, München).

Der Mann, der zweimal leben wollte. D 1950, Viktor Tourjansky, 89 Min.

Der ewige Klang. D 1943, Günther Rittau, 87 Min. 

Andreas Schlüter. D 1942, Herbert Maisch, 111 Min.

Menschen im Sturm. D 1941, Fritz Peter Buch, 80 Min.

Der Fuchs von Glenarvon. D 1940, Max W. Kimmich, 92 Min.

Befreite Hände. D 1939, Hans Schweikart, 99 Min.

Bel Ami. D 1939, Willi Forst, 100 Min.

Rote Orchideen. D 1938, Nunzio Malasomma, 86 Min (Ton: Eugen Hrich).

Es leuchten die Sterne. D 1938, Hans H. Zerlett, 83 Min (sehr erfolgreicher Revuefilm, in dem zahlreiche deutsche Stars - u. a. Rudolf Caracciola, Lil Dagover, Willi Forst, Heinrich George, Paul Hörbiger, Wolfgang Liebeneiner, Paul Lincke, Theo Lingen, Hans Moser, Anny Ondra, Max Schmeling, Hans Söhnker, Luis Trenker, Luise Ullrich, Grethe Weiser, Ida Wüst und Olga Tschechowa - sich selbst spielten).

Der Favorit der Kaiserin. D. 1936, Werner Hochbaum, 99 Min (mit Ada Tschechowa).

Maskerade. D 1934, Willi Forst, 90 Min.

Ein gewisser Herr Gran. D 1933, Gerhard Lamprecht, 101 Min.

Liebelei. D 1933, Max Ophüls, 94 Min. (Letzter Film von Max Ophüls vor seiner Emigration nach Frankreich. Im selben Jahr drehte er noch eine französische Fassung unter dem Titel Une histoire d'amour, an der Olga Tschechowa ebenfalls mitwirkte.)

Der Choral von Leuthen. D 1933, Carl Frölich, 82 Min.

Mary. GB/D 1931, Alfred Hitchcock, 78 Min (deutsche Fassung des parallel - Szene für Szene am selben Set und demselben Stab, aber englischen Schauspieler:innen - gedrehten Thrillers Mord - Sir John greift ein!). Der Film kann oben angesehen werden.

Die Drei von der Tankstelle. D 1930, Wilhelm Thiele, 90 Min (erster Tonfilm mit Olga Tschechowa).

Moulin Rouge. GB 1928, E. A. Dupont, 130 Min (ursprünglich sollte der Film mit Gloria Swanson anstelle von Olga Tschechowa in Hollywood gedreht werden). Der Film kann oben angesehen werden.

Un chapeau de paille d'italie. F 1928, René Clair, 110 Min (deutscher Titel: Der Florentiner Hut - Erstaufführung in Deutschland und Österreich am 22.11.2016 im Fernsehen).

Das Meer. D 1927, Peter Paul Felner (auch unter den Namen Insel der Leidenschaft und Insel der Tausend Sünden veröffentlicht).

Die Mühle von Sanssouci. D 1926, Siegfried Philippi, 124 Min.

Die Stadt der Versuchung. D 1925, Walter Niebuhr.

Soll man heiraten? Intermezzo einer Ehe in sieben Tagen. D 1925, Manfred Noa, 

Nora. D 1923, Berthold Viertel, 105 Min (restaurierte Fassung von 2001 mit 85 Min.).

Schloß Vogelöd. D 1921, Friedrich Wilhelm Murnau, 73 Min (die von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung rekonstruierte Fassung von 2002 kann oben angesehen werden). 

Hochstapler. D 1921, Werner Funck.

Leben in Groß Glienicke

1928 hatte sich Olga Tschechowa ein Grundstück an der Uferpromenade 40 auf der östlichen Seite des Groß Glienicker Sees gekauft und dort ein Sommerhaus gebaut. 10 Jahre später berichtete die Zeitschrift "Filmwelt" in ihrer Beilage "Im Scheinwerfer" darüber und machte damit gleichzeitig das Lebensgefühl deutlich, dass viele FIlmschaffende einte, die sich in Groß Glienicke zumindest teilweise niedergelassen haben:

Bei Olga Tschechowa in Kladow ist der Garten so gewachsen, wie er wollte. Darum ist er von jener ungebundenen Schönheit, die den Menschen empfinden läßt, daß er hier als lebendiges Wesen in einer starken und lebendigen Umwelt Licht und Sonne auf sich scheinen lassen, Luft und Duft atmen kann.

Wie der Garten, so das Haus. In diese Umgebung würde eine städtisch eingerichtete Wohnung nicht passen. Darum sind Boden und Decke, Wände und Pfeiler aus schönem, naturgewachsenem Holz, nicht gestrichen und nicht gebeizt. in Kachelofen aus alten holländischen Zeiten strömt im Winter sanfte Wärme aus, schwere Stühle und Bänke lassen eine kultivierte Wohnlichkeit verspüren, in der es sich nicht nur schön hausen läßt, sondern die auch in ihrer herben Zweckmäßigkeit und zweckbestimmten Schönheit auf die Menschen rückschließen läßt, die in diesen Räumen ihre Tage verbringen...

Dieser Mensch also wohnt in Kladow. Dieser Mensch hat sich auf dem vor zehn Jahren erworbenen Grundstück jenes Haus gebaut. Stück für Stück. Erst waren ein Zimmer und ein Balkon da, eine kleine Küche, dann folgten ein zweites und drittes Zimmer, dann das Obergeschoß mit der kleinen Bar unter dem schrägen Dachfenster. Die Zimmer sind nicht in einem bestimmten Stil gehalten. Der persönliche Geschmack war ausschlaggebend... Sehr natürlich haben die Zimmer ihr jetziges Gesicht erhalten. Nichts ist snobistisch. Es war Olga Tschechowa gleichgültig, ob Haus oder Zimmer anderen Leuten gefallen haben oder nicht. Wichtig war, daß sie ihr gefielen. Bis jetzt hat sie nur im Sommer in Kladow gelebt, aber jetzt will sie auch den Winter über draußen bleiben.

Im Scheinwerfer. Beilage zur Filmwelt Nr. 48 v. 25.11.1938

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alle Bilder aus der Beilage "Im Scheinwerfer" zur Filmwelt Nr. 48 v. 25.11.1938

(Eigenaufnahmen der Filmwelt, Fotograf unbekannt - die Beilage kann hier heruntergeladen werden)

Von 1943 bis nach Kriegsende lebte Olga Tschechowa nur noch in ihrem Sommerhaus, weil ihre Stadtwohnung zerstört war. Dabei spricht sie in ihren Erinnerungen immer nur von Kladow (wie im übrigen auch die Beilage zur Filmwelt), obwohl ihr Grundstück in der Uferpromenade rein rechtlich noch bis 1945 - bis zum Gebietstausch wegen des Flughafens Gatow - zu Groß Glienicke gehörte. Aber die Nähe zu und die verkehrsmäßige Anbindung an Kladow ist das, was ihr offensichtlich von der geografischen Lage des Sommerhauses in Erinnerung geblieben ist.

Das Kriegsende erlebte sie mit ihrer Tochter Ada und der Enkelin Vera im Sommerhaus, das zum kommunikativen und logistischen Zentrum für Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft wurde. Über diese Tage schreibt sie in ihren Erinnerungen:

Unser privater Kleinbunker, 36 Stufen unter der Erde, ist ständig mit Freunden aus der Nachbarschaft überfüllt.

Carl Raddatz mit Frau (es handelte sich um Hannelore Schroth, H.F.) kommt oft, der afghanische Gesandte, Herren vom Schweizer Roten Kreuz und einige Leute, die sich an uns klammern, weil wir russisch sprechen.

Der elektrische Strom ist längst ausgefallen, die Wasserleitung kaputt. Auf dem Nachbargrundstück gibt es einen Brunnen, an dem wir nachts stundenlang nach Wasser anstehen. Tagsüber ist das wegen der Tiefflieger zu gefährlich.

Noch dröhnen Stalinorgeln über unser Haus hinweg zum Kladower Flugplatz. Dort will sich ein kleiner wahnwitziger Haufen den Russen entgegenstemmen...

Ganz in der Nähe brennt ein Haus. Die Flammen werden in den nächsten Minuten auf unsere Garage übergreifen. In der Garage stehen 50 Kanister Benzin, die uns Panzersoldaten gebracht haben, bevor sie sich mit selbst ausgestellten Marschbefehlen nach dem Westen absetzen in der Hoffnung, daß die Gefangenschaft bei den Amis erträglicher sein würde als beim Iwan. Eine berechtigte Hoffnung...

Für uns dagegen ist die Lage inzwischen nahezu hoffnungslos. Wir können nicht hinaus; wir können tagsüber nicht mit Benzinkanistern herumhantieren, während Stalinorgeln, Tiefflieger und MG-Feuer jeden Meter draußen zerhämmern.

Wir sind sicher, daß wir diesen Abend nicht erleben werden, weil die Flammen aus dem brennenden Nachbarhaus bis dahin auf unsere Garage überspringen und uns die explodierenden Benzinkanister alle in die Luft jagen werden...

(...)

Während wir das Feuer beobachten, murmelt meine Tochter beschwörend vor sich hin: "Der Wind muß sich drehen... der Wind soll sich drehen, oh, lieber Gott, mach, daß der Wind sich dreht..."

Es wäre das Wunder, daß uns alle in letzter Sekunde retten würde.

Das Wunder geschieht.

Der Wind dreht sich. Wir erleben diesen Abend. Das Nachbarhaus brennt bis auf die Grundfesten nieder und gefährdet uns nicht mehr.

(...)

Und in meiner Bibliothek rücke ich an der hinteren Wand meine Sammlung wertvoller Ikonen noch sichtbarer als bisher ins Blickfeld; ich habe dabei einen bestimmten Gedanken: ... wenn die ersten Russen kommen ...

Sie lassen nicht lange auf sich warten, die ersten Russen. Sie sind verdreckt, verstaubt und ausgehungert wie alle Soldaten in diesen letzten Kriegstagen. Aber mehr als alle anderen sind sie mißtrauisch. Ich spreche in ihrer Heimatsprache mit ihnen. Überraschung mildert ihr Mißtrauen...

Dann führe ich sie, bevor sie das Haus durchsuchen, wie zufällig in meine Bibliothek. Und jetzt geschieht, was ich insgeheim gehofft habe: sie starren die Ikonen an.

"Tscho eto Zerkoff?" - "Ist das eine Kirche?" - fragt mich ihr Wortführer.

Ich hebe schweigend die Schultern.

Sie wechseln ratlose, fast scheue Blicke - und gehen...

Ich atme auf. - Nicht lange.

Die militärische Lage hat sich verändert - zugunsten Deutschlands. Wenks Ersatzarmee kommt, die Wunderwaffen sollen schon in den nächsten Stunden eingesetzt werden, die Russen werden in die Flucht gejagt, das und ähnliches mehr behaupten Volkssturmführer, die unser Haus inspizieren, um jeden, aber auch jeden noch verfügbaren Mann an die Heimatfront zu holen.

In unserem Frauenhaushalt suchen sie vergeblich.

Aber fünfzig Meter weiter wohnt Carl Raddatz mit seiner Frau. Er muß mit.

Carl tobt, flucht, schimpft und nennt, was jetzt noch geschieht, einfach und treffend - Wahnsinn...

Wir beschwören Raddatz, zu schweigen. Wir sind uns darüber im klaren, daß wir ihn nicht mehr wiedersehen werden, wenn er nicht schweigt.

Raddatz flucht weiter.

Er flucht noch, als er mit anderen Volkssturm-Leuten - alten Männern und Kindern, militärisch genausowenig ausgebildet wie er selbst - etwa hundert Meter von unseren Häusern entfernt einen Graben auswerfen muß, um so anrollende russische Panzer mit allen Kräften aufzuhalten.

Raddatz weigert sich, Handgraten auch nur anzurühren... Einer der Volkssturm-Führer droht: "Feiglinge hängen - auch wenn's noch so bekannte Schauspieler sind!"

Dieser Held meint das ernst.

Ada und ich wenden uns an einen befreundeten Luftwaffenarzt. Der Arzt rät zu einer rasch wirksamen, im allgemeinen aber ungefährlichen Betäubungsspritze.

Ada versteht mit Injektionsnadeln und Ampullen umzugehen; sie ist als Arzthelferin ausgebildet. Sie zieht sich ihren Rot-Kreuz-Kittel über, steckt die aufgezogene Spritze mit Reserveampullen ein und schleicht zum Graben hinüber.

Dort liegt der Volkssturm-Führer, der Raddatz gedroht hat, hinter einem MG. Als Ada den Graben erreicht, wird der Mann von einem Granatsplitter getroffen, sinkt blutüberstömt zu Boden. Das ist für einige Volkssturm-Männer das Zeichen zur Flucht und für Ada die Möglichkeit, Raddatz und zwei Bekannten ungehindert und unauffällig die rettende Injektion zu geben.

Mit Agnes, Raddatz' Haushälterin, laufe ich zum Graben hinüber. Wir wollen ihn und die beiden anderen bei uns im Haus in Sicherheit bringen...

Wir erreichen unverwundet das Haus. Die drei sind schon bewußtlos. Wir schleppen sie nach oben in ein Zimmer, das an Adas Schlafzimmer grenzt.

Unten dringt inzwischen ein Volkssturm-Führer gewaltsam ins Haus ein...

Der Mann fuchtelt mit einer Pistole herum und tobt weiter...

Ada beweist von uns allen ein weiteres Mal am meisten Geistesgegenwart - und Mut.

Sie schlägt dem Mann die Pistole aus der Hand; jetzt packen auch Agnes und ich zu; wir befördern den verblüfften Helden auf die Straße und verriegeln hinter ihm die Tür.

Merkwürdigerweise hören wir nichts mehr von ihm. Wenige Stunden später wird uns klar, warum. Die militärische Lage hat sich wieder einmal geändert.

Wir bekommen zum zweiten Mal russischen Besuch.

(...)

Nach stundenlangem Verhör werden wir aus Mangel an Beweisen vorerst wieder freigelassen...

Wir - meine Tochter, meine Enkelin Vera, Carl Raddatz mit seiner Frau und meine russische Freundin Sinaida Rudow - sitzen im Keller meines Hauses.

(...)

Mein Verhör dauert kaum fünf Minuten. Ich werde der Spionage verdächtigt, weil ich russisch spreche.

Ich komme gar nicht zu Wort. Ich kann nicht einmal meinen Namen oder meinen Beruf nennen.

Das Urteil: Tod durch Erschießen.

Zwei Soldaten nehmen mich in die Mitte.

Bevor wir den Raum verlassen, erscheint ein baumlanger sowjetischer Offizier. Alle anderen stehen vor ihm stramm.

Der Offizier fixiert uns und fragt dann ruhig:

"Was geht hier vor?"

Einer seiner Offizierskameraden erklärt es ihm. Ich spreche dazwischen - in Russisch...

Der Offizier läßt sich seine Überraschung nicht anmerken. Er bittet mich gelassen, weiterzusprechen. Ich sage ihm, wer ich bin, stelle meine Tochter, meine Enkelin und die Freunde vor und berichte, was sich ereignet hat.

Der Offizier hört kommentarlos zu und fragt mich dann, ob ich mit der Moskauer Schauspielerin Olga Knipper-Tschechowa verwandt sei. Ich nicke:

"Sie ist meine Tante."

Der Offizier befiehlt, daß uns zwei Soldaten ins Haus zurückbringen und dort zu unserem Schutz vorläufig auch bleiben. Ich genieße diesen Schutz nur bis zum Abend:

Ein Wagen mit sowjetischen Offizieren fährt vor. Die Offiziere bitten mich, einzusteigen und etwas persönliches Gepäck mitzunehmen.

Ich verabschiede mich von Ada, Vera und den Freunden - für längere Zeit, davon sind wir überzeugt.

Die Offiziere bringen mich zunächst ins Hauptquartier der Roten Armee nach Berlin-Karlshorst... Noch in derselben Nacht fahren mich meine Begleiter nach Posen. Von Posen aus fliegt mich eine sowjetische Militärmaschine nach Moskau...

(Tschechowa, Olga (1976): Meine Uhren gehen anders, 2. Aufl., Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe, S. 201 ff.)

Auszeichnungen

1962

Filmband in Gold für langjähriges und erfolgreiches Wirken im deutschen Film

1972

Großes Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

1978

Benennung einer Rosensorte nach Olga Tschechowa

Weblinks / Quellen

www.filmportal.de (Stichwort Olga Tschechowa) (03.05.2021)

Beevor, Anthony (2004): Die Akte Olga Tschechowa. Das Geheimnis von Hitlers Lieblingsschauspielerin. 1. Aufl., München: Bertelsmann

Bei Olga Tschechowa in Kladow. In: Im Scheinwerfer. Beilage zur Filmwelt Nr. 48 v. 25.11.1938, o. S.

Helker, Renata / Lenssen Claudia (2001): Der Tschechow-Clan. Geschichte einer deutsch-russischen Künstlerfamilie. 1. Aufl., Berlin: Parthas

Tschechowa, Olga (1976): Meine Uhren gehen anders. 2. Aufl., Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe