Foto von Fritz Barber

Autor:

Fritz Barber

12.05.2021

"... und daß man das Leben finden

und nicht erfinden sollte"

Kurt Tetzlaff mit Oscar am 02.10.2020

Übergabe des Groß Glienicker "Ottokar" an Kurt Tetzlaff am 02.10.2020 - Foto: Jürgen Greunig

Kurt Tetzlaff wird am 22. Februar 1933 in Tempelburg in Pommern (heute Czaplinek, Polen) geboren. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges flieht seine Familie und wandert bis Querfurt. Hier absolviert Kurt Tetzlaff 1952 sein Abitur. Einer seiner Lehrer ist Fritz Gebhardt, der sich später als Autor und Regisseur im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme einen Namen machen wird. Kurt Tetzlaff folgt ihm und wird von 1952 bis 1955 als Dramaturgie-Assistent und später als Dramaturg im gleichen Studio tätig. Zum Studium wird er delegiert. Von 1955 bis 1960 belegt er Regie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Sein Studentenfilm Auf dem Bahnsteig (1957) orientiert sich am italienischen Neorealismus, gerät bei den Verantwortlichen der Hochschule in Misskredit - und ist zugleich einer der ersten Filme der Filmschule, der einen internationalen Preis zugesprochen bekommt.

Nach dem Studium wird Kurt Tetzlaff Regisseur im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. 1969 werden sowohl dieses DEFA-Studio wie auch jenes für Kurzfilme mit dem Berliner Studio für Dokumentarfilme zusammengelegt. Bis 1990 ist Kurt Tetzlaff hier beschäftigt und dreht mehr als 50 Filme. Einer seiner ersten wird der mit ausgezeichnetem Bildmaterial versehene Im Januar 63 (1963) über den Braunkohletagebau. Bevor die Dreharbeiten stattfinden, arbeitet das Filmteam drei Wochen vor Ort mit, lebt mit den Arbeitern, stellt eine ertastbare Beziehung zu dem her, was es erzählen will. Dabei gelingen realistische Szenen vom Arbeiterleben. Diese Art der Herangehensweise wählt Kurt Tetzlaff oft, um eine emotionale Beziehung mit seinem Gegenstand einzugehen. Für den Film Alltag eines Abenteuers (1976), welcher den Bau der Erdöl-Trasse zum Thema hat, lebt und arbeitet das Filmteam ein halbes Jahr mit den Kumpels zusammen. Aus dem umfangreichen Material entsteht Begegnungen an der Trasse (1976). Beide Filme fangen die schweren Arbeitsbedingungen und die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Russen ein. Mit Fischern von Rügen wohnt das Filmteam in Vorbereitung auf die Dreharbeiten zu Die drei anderen Jahreszeiten (1980) ebenfalls mehrere Wochen gemeinsam auf der Insel.

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Künstlerporträts werden eines seiner bevorzugten Genres im Dokumentarfilmbereich. Dem Porträt über Käthe Kollwitz Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden (1967) schenkt man große Beachtung. Brief- und Tagebuchzitate beschreiben die Entstehung des Anti-Kriegsdenkmals der Künstlerin. Später dreht er das Künstlerporträt Er hat Vorschläge gemacht (1978) zum 80. Geburtstag von Bertolt Brecht als Auftragsfilm für das Fernsehen der DDR. Der Regisseur schildert das Leben und den künstlerischen Werdegang des Dichters, bedient sich dabei auch dessen didaktischer Methode. Mit Bertolt Brecht beschäftigt sich Kurt Tetzlaff auch weiter. In Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen (1978) interviewt er Marie Rose Aman, eine Jugendfreundin Brechts, der ihr auch ein Gedicht widmet. Die nunmehr 80jährige Frau bietet dabei vor der Kamera einen etwas anderen Blick auf den großen Dichter. ...und sie bewegt sich doch (1978) schildert die Entstehung des Bühnenstücks "Galilei". Später folgen Porträts für das Fernsehen der DDR über den Schauspieler Erwin Geschonneck und den amerikanischen Sänger Paul Robeson.

Eine seiner früheren Arbeiten Es genügt nicht, achtzehn zu sein (1964-66) wird von der "Hauptverwaltung Film" nicht zugelassen und verschwindet für 25 Jahre in den Tresoren. Erzählt wird von einer Jugendbrigade aus Grimmen, die in Mecklenburg nach Erdöl bohrt. zu offen und ungeschminkt werden hier die Probleme und Sorgen der Jugendlichen angesprochen. Ähnliches Problembewusstsein - mit Aufführungsrechten - zeigt sich in anderen Filmen des Regisseurs. Einen Berliner Jungen porträtiert er in Paule - Porträt eines Jungen (1969). Der Regisseur gibt dem Zehnjährigen die Gelegenheit, seine Sicht der Welt mit eigenen Worten zu schildern. Ein weiteres sensibles Porträt legt er mit Ich werde Artist (1977) vor. Hier beobachtet er ein Mädchen, wie es einen Salto lernt. Nach unzähligen missglückten Versuchen schafft sie ihn endlich. Die Glückwünsche ihrer Lehrer und Mitschüler nimmt sie freudig entgegen, danach misslingt der Sprung wieder. Beide Filme zeichnet eine Intensität aus, die sich aus der vertrauensvollen Nähe des Regisseurs zu seinen Protagonisten ergibt. Ähnliches gelingt Kurt Tetzlaff in Dialog mit einem Bauern (1984). Porträtiert wird der Vorsitzende einer LPG, sein scheinbar gradliniger Werdegang. Aber der Filmemacher scheut sich nicht, Widersprüche auf die Leinwand zu bannen, etwa die Frau des Vorsitzenden, die mit ihren Problemen häufig allein gelassen wird. So bodenständig wie der Mann, der porträtiert wird, ist auch die Dokumentation - widerspruchsvoll und emotional.

Einmal wagt sich der Dokumentarist in den Spielfilmbereich. Er inszeniert Looping (1975), die Geschichte um den 30jährigen Biene (gespielt von Hans-Gerd Sonnenburg, einem Draufgänger, der durch einen Unfall am Karbidofen aus seiner Unbekümmertheit gerissen wird. Er soll für die Explosion und den Tod eines Kollegen verantwortlich sein. Nach einer nochmaligen Überprüfung stell sich heraus, dass es sich nicht um menschliches Versagen handelt. Der Film entstand in den Chemischen Werken BUNA.

Über mehrere Jahre hinweg kehrt Kurt Tetzlaff in das Braunkohlegebiet zurück. Er beobachtet die Menschen in den zum Abriss freigegebenen Gemeinden. Vier Jahre dauert die Arbeit an dem Film Erinnerungen an eine Landschaft - für Manuela (1983). Die Menschen reden offen über ihre Ängste und Hoffnungen, beschreiben die Opfer, die sie für die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Staates erbringen müssen. Die Langzeitdokumentation ist künstlerisch wie inhaltlich bemerkenswert. Sie scheut sich nicht, die Politik der DDR-Führung zu kritisieren, leise zwar, aber in ihrem Flüsterton unüberhörbar. Wie auch andere bekannte Regisseure der DEFA arbeitet Kurt Tetzlaff mit einem festen Team. Dazu gehört unter anderem der Kameramann Karl Farber, der hier aussagekräftige Bilder für den Verlust von Natur und Leben findet.

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Im März 1989 beginnt Kurt Tetzlaff mit Dreharbeiten für Im Durchgang (1990). Er will eine Potsdamer Schulklasse beobachten, wie sie ein Bühnenstück von Michael Schatrow einstudiert. Aus dem Gruppenporträt wird ein einzelnes: Der Pfarrerssohn Alexander wird herausgehoben, seine Aussagen stehen symptomatisch für eine bevormundetete Generation. Die Dokumentation gehört zu den ersten, die sich endlich systemkritisch zur DDR äukßern. Zugleich ist es eine der letzten ihrer Art, da das Land schon bald nicht mehr existiert. Mit Im Übergang - Protokoll einer Hoffnung (1991) setzt der Regisseur sein Projekt fort, persönliche Erfahrungen und Reflexionen eines Jugendlichen untermalen das Jahr des Übergangs in das wiedervereinigte Deutschland. Aus Euphorie ist Resignation geworden, wirklich mitbestimmen kann Alexander nicht.

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Die frühen 90er Jahre bedeuten für Kurt Tetzlaff nicht nur einschneidende Änderungen seiner Arbeitsverhältnisse, sondern auch einen Wechsel des Lebensmittelpunktes: Die alte Villa in Potsdam am Heiligen See (77 Stufen bis unters Dach mit den Kohleeimern) wird zum unbezahlbaren Immobilienobjekt. Die Künstlergemeinschaft mit verschiedenen Malern, vielen Kindern und den Enten in der Dachrinne löst sich notgedrungen auf. Produktionskollegen des Studios weisen ihn auf einen Bungalow in Groß Glienicke hin, den er in mehreren Bauphasen zum neuen Domizil seiner Familie umbaut.

Wie viele seiner Kollegen muss Kurt Tetzlaff nach dem Zusammenbruch der DDR und der Abwicklung der DEFA im gesamtdeutschen Film Guß fassen. Es gelingt ihm, Filme seiner tradierten Themenschwerpunkte unter schwierigen Bedingungen zu realisieren. Filme wie Die Garnisonskirche - Protokoll einer Zerstörung (1992) oder Bis die Russen kamen - Kriegsende in Mitteldeutschland (1995) und Am Rande eines Krieges - der ungarische Aufstand 1956 (1996) beweisen das. Und Filme wie Anmerkungen zur DDR-Kunst (1994) und Was geht Fontane Sachsen-Anhalt an (1998) setzen die Auseinandersetzung mit Kunst und Künstlern fort. Die Umbrüche im Alltagsleben nach der Wende dokumentiert er unter anderem mit Filmen wie Leben im besetzten Haus (1993). Dabei wird auch das Thema der bergbaubedingten Umsiedlung mit Filmen im Lausitzer Revier wie Haidemühl und Geisendorf wieder - unter neuen Bedingungen - aufgegriffen.

(erstellt unter Verwendung von Quellenmaterial der DEFA-Stiftung)